Das Recht auf Faulheit

„Das Recht auf Faulheit (Im Original: »Le droit à la paresse«) ist eine literarisches Werk von Paul Lafargue aus dem Jahre 1880 zur Widerlegung des »Rechts auf Arbeit« von 1848. “  mehr bei Wikipedia … Paul Lafargue war ein Schwiegersohn von Karl Marx und hat 1880 nach einem Opernbesuch mit seiner Frau Selbstmord begangen. Lenin hat bei der Beerdigung eine Grabrede gehalten.

Gontscharow über die Verdrängung der Faulheit im Abendland

Es lohnt sich, alte Zeitungsartikel aufzuheben (nebenbei zeigt es mir, wie lange das Thema Faulheit mich schon interessiert). Aus einem Artikel „Gontscharow über die Verdrängung der Faulheit im Abendland“ in der TAZ vom 10. Oktober 1991 folgende Zeilen rausgeschrieben:

Ein Bild des Schreckens und der Finsternis, Der russische Schriftsteller Gontscharow über die Verdrängung der Faulheit im Abendland/Der Romanheld Oblomow stirbt eines Nachmittags am Nichtstun und im Schlafrock/Entsetzlich bequem, wehrt er sich sanft und passiv gegen die Entfremdung.

… jener gemütvollen Ferne, die dem Landleben eigen ist.

… er stirbt am Nichtstun und im Schlafrock. Dabei neigt er nicht zur Völlerei, zur Freßsucht oder zur Trunkenheit: Er ist nur entsetzlich bequem. Und will nichts als diese Gleichmäßigkeit des Lebens, in der nur gute Gesichter ihn umgeben und hin und wieder ein Gedanke ausgetauscht wird, der durchaus derselbe wie gestern sein kann.

Oblomow ist zum Leben zu faul. Er hat sich der Trägheit ergeben, dem Müßiggang.

Wenn ihm auch hin und wieder die Zeit lang wird, so fehlt ihm doch die Unruhe des Geistes, die zur Langeweile führt, jene untergründige Raserei, die den Stillstand zur Raserei macht.

Aber er selbst wird davon kaum berührt, denn sein Geheimnis ist ein anderes: Er hat einmal das Glück erlebt und kann davon nicht mehr lassen.

Er will nichts weiter als das Leben treiben lassen, auf der Ottomane liegen und reflektieren – einzig zum Zwecke des vertieften Glücks: der Seelenruhe.

Es gibt kein deutsches Gegenstück zur Oblomowerei. Der Müßiggang hat hierzulande keinen guten Ruf. Die Faulheit nicht als vorübergehende Erscheinung, als punktuelle Verweigerung, sondern als Einsicht, dass alles Streben eitel sei: Das ist schon ökonomisch gefährlich …

So wie man den Tod tabuisiert, verbannt man auch die Oblomowerei: Das Abendland kennt weder Rast noch Ruh. … Die größte Angst ist die, wir alle könnten uns gemütlich auf der Ottomane lagern, ein Buch in der Hand, das uns langsam aus den Händen gleitet, neben uns ein Glas Wein, und so gemütlich unsere Rente verzehren, alles verfrühstücken, wie der Konsul Döhlmann aus den Buddenbrocks.

Sie (die Faulheit) führt nach ihm (Thomas Mann) in Trunkenheit und Hypochondrie, Wahnsinn und Trauer, sie muss bekämpft werden mit allen Mitteln, vor allem aber: mit Arbeit.

Der Müßiggang, das ist das Glück der reinen Seele.

Muss gelegentlich mal bei der TAZ nachfragen, ob ich das hier überhaupt veröffentlichen darf oder unter welchen Voraussetzungen das möglich ist.

Aborigines, Bruce Chatwin, Spaziergangsforschung und M.I.A.

In meiner Sammlung von Biologiebüchern befindet sich auch ein obskures Nazi-Schulbuch der „Biologie für Oberschule und Gymnasien“. Dort steht in einem polemischen Artikel über die Uraustralier (im Kapitel über die Entstehung der Rassen) der wunderschöne Satz: „So leben diese urtümlichen Menschen unbesorgt um die Zukunft in den Tag hinein.“  Whow, das ist ein Ziel, ganz im Sinne dieses Weblogs. Dazu noch zwei Zitate aus  dem Buch „Traumpfade – The Songlines“ von Bruce Chatwin (über den es auch eine deutsche Website gibt), das von seinen Reisen zu den Ureinwohnern Australiens erzählt: „Es ist gut Dinge zu sammeln, aber es ist besser spazierenzugehen (Anatol France)“ + „Seßhafte Arten … sind wie seßhafte Gene gerne eine Zeitlang unerhört erfolgreich, doch am Ende zerstören sie sich selbst.“ Hier ist ein Hinweis auf die Spaziergangsforschung von Betram Weißhaar (sehr schöner Name zu diesem entspannten, spannenden Thema) sinnvoll. Interview mit Bertram Weißhaar in der TAZ vom 7.4.2003. Und der Weblog zur Promenadologie (Spaziergangswissenschaft).

Zur Untermalung das wunderschöne „Mango Pickle Down River“ das die englische Sängerin M.I.A. mit einer Gruppe australischer Kinder eingespielt hat, natürlich mit dem unvermeidlichen Didgeridoo (das mir hier aber wirklich gut gefällt):

Dialog zwischen Freiberufler und Beamtin

Ein kurzer Dialog zwischen einem Freiberufler und einer Beamtin Freitagabends, so wie er gestern wirklich stattgefunden hat. Die Beamtin (danke E., dass ich das hier schildern darf) hat einen Tag frei gehabt und ihn mit einem netten Mann entspannt genossen, der Freiberufler sieht ihr das sofort an und gratuliert ihr. Er selbst hat für den nächsten Tag (der ein Samstag ist) einen interessanten Foto-Auftrag bekommen und sagt irgendwann ganz glücklich: „Es ist so geil, Arbeit zu haben.“ Lacht die Beamtin und sagt:  „Und es ist so geil, einen Tag frei zu haben“.

Die Zukunft der Faulheit

Auf der Google-Suche nach Bernhard Floßdorf, von dem ich einen 1991 kopierten Essay „Die Zukunft der Faulheit oder Rückblick auf die Arbeitsgesellschaft“ in meinem Ordner (Ordner meint hier tatsächlich Leitz-Ordner) zum Thema „Frieden durch Faulheit“ gefunden habe, bin ich bei zvab.com auf den auch interessanten Buchtitel „Mehr Produktivität durch gute Räume. Manager entdecken die Wirkung der Architektur“ von Gunther A. Luedecke (Hrsg.) gestoßen (dort auch ein Beitrag von jenem Floßdorf – schönes Bild übrigens – Floßdorf!).

Was ist Luxus?

Vor ein paar Tagen blätterte ich in der wunderbaren Neuausgabe von Diderots und d’Alemberts «Welt der Encyclopédie» und entdeckte zwei Artikel zum Stichwort ‹Luxus›: Einer von beiden wurde so um 1760 herum von Jean-François de Saint-Lambert geschrieben, und der andere heute – im Jahr 2001 – von Hans Magnus Enzensberger. Diese beiden Essays zu vergleichen, sie in Gedanken hin und her zu bewegen, sie zu begreifen und mit dem zu vereinen, was mir schon seit einiger Zeit zum Thema ‹Luxus› durch den Kopf geht, war mir eine große Freude. Ein wenig davon möchte ich weitergeben. Fangen wir an. … Welche Güter könnten das sein?: 1. Eigenzeit … 2. Eigenraum … 3. Ruhe … 4. ‹Intakte› Umwelt … 5. Sicherheit … 6. Skepsis … von Henriette Orheim (Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung), 2001, mehr …

Frieden durch Faulheit – Der erste Eintrag

Ich habe diesen Blog begonnen, um die Materialien für meinen Ratgeber „Frieden durch Faulheit – Mehr Zeit, Mehr Geist, Mehr Lebensfreude“ (Arbeitstitel) zu sammeln, zu strukturieren und zu veröffentlichen.  Ich möchte einen Verein gründen, ein Buch schreiben und diesem eine CD-Kompilation mit Musik zum Thema beilegen. Meine Zielgruppe bin ich selbst und alle, die freiberuflich oder festangestellt manchmal das Gefühl haben, das Leben rauscht an Ihnen vorbei und sie bräuchten mal wieder Urlaub.  Meine Devise soll sein: „Ein Leben zu leben, von dem ich keinen Urlaub brauche.“

Der Münchner Publizist und Journalist Christian Schütze hat 1990 in einer Ausgabe des Magazins Geo einen Artikel mit dem Titel „Frieden durch Faulheit“ veröffentlicht. Titel und Inhalt haben mich nachhaltig beeindruckt (damals bedeutete dass den direkten Weg zum Kopierer um den Artikel an Freunde zu verteilen und zu senden). Am 22. Juli 1990 hatte ich mit Rosy E. die Idee zu einem Verein „Frieden durch Faulheit“, der sich der geheimen Sehnsucht nach Faulheit „aktiv“ widmen sollte.

Christian Schütze schrieb in dem Artikel unter anderem: „Der dem Menschen von Natur aus angemessene Zustand ist nicht der Achtstundentag, sondern die Nichtarbeit. Die Ausbreitung des heutigen Typs von Homo Sapiens über die Erde begann vor etwa 40 000 Jahren, der Arbeitszwang ist erst 4000 Jahre alt – ein Folge unkluger Vermehrung. Die Verklärung der Arbeit zur heiligen Pflicht, der Irrtum, daß der Mensch den Sinn seines Lebens arbeitend erfahre, ist noch kein 2000 Jahre alt.“

Welche Themen hier angesprochen werden, wird sich zeigen, auf jeden Fall werde ich die Orte in meiner Stadt und an anderen Stellen vorstellen, wo ich mich zum Arbeiten und Nichtstun wohl fühle (die vom Soziologen Ray Oldenburg so genannten: „Third Places – Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons and other Hangeouts at the Heart of a Community”. Dazu bei Commercial Communities: „Oldenburg nannte solche Treffpunkte “third places”, neben und zwischen dem eigenen Zuhause als “first place” und der Arbeit als “second place”, und begriff sie als unverzichtbare Verbindungsglieder, deren privilegierte Aufgabe es ist, zwischen Individuum und Gesellschaft zu vermitteln, und die zugleich ein „soziales Zuhause“ anbieten, wo man sich jenseits von Familie und Arbeitsplatz in Anwesenheit von anderen aufgehoben und geborgen fühlen kann.“).

Ich schreibe das in Darmstadt, in der kleinen Bibliothek im Prettlakschen Haus, die über den Prinz-Georg-Garten zugänglich ist. Hier stehen drei Tische mit je vier Stühlen, auf drei Seiten Bücherregale und eine Fensterseite mit Blick in den wunderschönen Prinz-Georg-Garten. Den Raum betritt man über einen Teppich mit einem großen hessischen Löwen, der den Dreck von den Schuhen aufnimmt (!).  Sehr ruhige, entspannte Stimmung, ab und zu kommen Leute zum Büchergucken. Es gibt hier keine Toilette, kein Wasser, kein Strom, nur den Raum, Tische, Stühle und die Bücher. Sehr angenehm. Öffnungszeiten: März – Oktober täglich von 07.00 bis 19.00 Uhr, November – Februar täglich von 08.00 bis 17.00 Uhr.

Besonderer Tipp: In der Gärtnerei nebenan kann man Pflanzen und Gemüse aus dem ehemaligen Großherzoglichen Garten kaufen.