Müßiggang ist aller Liebe Anfang (außen wie innen schön, sauber und gut!)

Müßiggang ist aller Liebe Anfang ist ein Zitat das ich auf einer Website gefunden habe, die auch den Münchner Journalisten Christian Schütze erwähnt, dessen Essay „Frieden durch Faulheit“ aus „Geo“ diesem Weblog den Namen gab. Dort wird es Christa Wolf zugeordnet. Genauere Suche nach dem Ursprung bringt auch noch Christa Reinig und Ingeborg Bachmann als Urheberinnen ins Spiel. Auf der Suche nach der wahren Urheberin habe ich Google gefragt, die „Such-Maschine“ findet heute (immer „ungefähr“):

5.650 Ergebnisse für „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“
109 Ergebnisse für „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ „Christa Wolf“
3.130 Ergebnisse für „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ „Christa Reinig“
41 Ergebnisse für „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ „Ingeborg Bachmann“
343 Ergebnisse für „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ -„Christa Wolf“ -„Christa Reinig“ -„Ingeborg Bachmann“
338 Ergebnisse für „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ -„Christa Wolf“ -„Christa Reinig“ -„Ingeborg Bachmann“ -„C. Wolf“ -„C. Reinig“ -„I. Bachmann“
4.670 Ergebnisse für „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ -„Christa Wolf“ -„Ingeborg Bachmann“ -„C. Wolf“ -„I. Bachmann“.

Nach Google sieht es also danach aus, dass Christa Reinig die Urheberin ist. Die „Suchmaschine“ ZVAB findet für die Suche nach „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ heute 19 Einträge ausschließlich zu Christa Reinigs gleichnamigen Buch, das 1979 in der Eremiten-Presse, Düsseldorf erschienen ist. Hier ein schöne Beschreibung eines der Buch-Exemplare im ZVAB mit Textbeispielen:

Christa Reinig: Müßiggang ist aller Liebe Anfang. Gedichte, Düsseldorf, Eremiten-Presse, 1979. Oktav (12 x 19 cm), 128 nicht nummerierte Seiten. Mit zwölf Vignetten. Illustrierte Original-Broschur (Englische Broschur).

Band 93 der Reihe „Broschur“ der Eremiten-Presse. Programm dieser Reihe war: „Zeitgenössische Literatur und Originalgraphik in bibliophil ausgestatteter, preiswerter Ausgabe“. Dieser Band ist weniger vom Zusammenspiel Text/Graphik, sondern von der Eigenart des Textes geprägt: Christa Reinig hat für jeden Tag eines Jahres meist vierzeilige Kurz-Gedichte rund um das Thema Liebe und Zweisamkeit verfasst. Zwei Beispiele : „September / 25 / Freitag: Dir so nahe sein / das deine zwei augen / ein einziges / großes auge werden – Dezember / 31 / Sonntag: Wir drehten uns um / und waren ein jahr älter“. So entsteht ein reizvoller, gedanken- und gefühlsdicht gewebter Jahreskalender. Jeder Monat wird mit einer historischen, kreisrunden allegorischen Vignette eingeleitet (Quelle nicht bezeichnet). Im Schnitt zart fleckig, ansonsten außen wie innen schön, sauber und gut.

Über Christa Reinig:
Die Stationen ihres Lebens glichen tatsächlich Planetenwechseln: Im Osten Berlins als Tochter der Putzfrau Wilhelmine Reinig in der Weimarer Republik geboren, erlebte Reinig als Kind die Machtübernahme der Nazis und als 19-jährige die Zerschlagung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Nach dem Krieg arbeitete sie zunächst als Trümmerfrau und Fabrikarbeiterin, bis sie in den 1950er-Jahren in der DDR das Abitur nachholte, Kunstgeschichte studierte und als Assistentin am Märkischen Museum arbeitete. Zusammen mit ihrer Mutter lebte sie in Ost-Berlin, engagierte sich jedoch in einer „Gruppe Zukunftsachlicher Dichter“ in West-Berlin. Nach dem Tod der Mutter nutzte Reinig den Empfang des Bremer Literaturpreis 1963 dazu, im Westen zu bleiben. Danach lebte in München, später auch ein Jahr in der Villa Massimo in Rom, wo sie gerne geblieben wäre.
Quelle und mehr…

Auf der Suche bin ich noch auf folgende Zitate gestoßen, die auch in diesen Blog passen:

Das Leben nimmt den Menschen sehr viel Zeit weg. (Stanislaw Jerzy Lec)

Wären wir ruhiger, langsamer, so ginge es uns besser, ginge es schneller mit unseren Angelegenheiten voran. (Robert Walser) – gefunden bei Fritz Reheis

Gontscharow über die Verdrängung der Faulheit im Abendland

Es lohnt sich, alte Zeitungsartikel aufzuheben (nebenbei zeigt es mir, wie lange das Thema Faulheit mich schon interessiert). Aus einem Artikel „Gontscharow über die Verdrängung der Faulheit im Abendland“ in der TAZ vom 10. Oktober 1991 folgende Zeilen rausgeschrieben:

Ein Bild des Schreckens und der Finsternis, Der russische Schriftsteller Gontscharow über die Verdrängung der Faulheit im Abendland/Der Romanheld Oblomow stirbt eines Nachmittags am Nichtstun und im Schlafrock/Entsetzlich bequem, wehrt er sich sanft und passiv gegen die Entfremdung.

… jener gemütvollen Ferne, die dem Landleben eigen ist.

… er stirbt am Nichtstun und im Schlafrock. Dabei neigt er nicht zur Völlerei, zur Freßsucht oder zur Trunkenheit: Er ist nur entsetzlich bequem. Und will nichts als diese Gleichmäßigkeit des Lebens, in der nur gute Gesichter ihn umgeben und hin und wieder ein Gedanke ausgetauscht wird, der durchaus derselbe wie gestern sein kann.

Oblomow ist zum Leben zu faul. Er hat sich der Trägheit ergeben, dem Müßiggang.

Wenn ihm auch hin und wieder die Zeit lang wird, so fehlt ihm doch die Unruhe des Geistes, die zur Langeweile führt, jene untergründige Raserei, die den Stillstand zur Raserei macht.

Aber er selbst wird davon kaum berührt, denn sein Geheimnis ist ein anderes: Er hat einmal das Glück erlebt und kann davon nicht mehr lassen.

Er will nichts weiter als das Leben treiben lassen, auf der Ottomane liegen und reflektieren – einzig zum Zwecke des vertieften Glücks: der Seelenruhe.

Es gibt kein deutsches Gegenstück zur Oblomowerei. Der Müßiggang hat hierzulande keinen guten Ruf. Die Faulheit nicht als vorübergehende Erscheinung, als punktuelle Verweigerung, sondern als Einsicht, dass alles Streben eitel sei: Das ist schon ökonomisch gefährlich …

So wie man den Tod tabuisiert, verbannt man auch die Oblomowerei: Das Abendland kennt weder Rast noch Ruh. … Die größte Angst ist die, wir alle könnten uns gemütlich auf der Ottomane lagern, ein Buch in der Hand, das uns langsam aus den Händen gleitet, neben uns ein Glas Wein, und so gemütlich unsere Rente verzehren, alles verfrühstücken, wie der Konsul Döhlmann aus den Buddenbrocks.

Sie (die Faulheit) führt nach ihm (Thomas Mann) in Trunkenheit und Hypochondrie, Wahnsinn und Trauer, sie muss bekämpft werden mit allen Mitteln, vor allem aber: mit Arbeit.

Der Müßiggang, das ist das Glück der reinen Seele.

Muss gelegentlich mal bei der TAZ nachfragen, ob ich das hier überhaupt veröffentlichen darf oder unter welchen Voraussetzungen das möglich ist.